In Die Sonne Schauen
von Masha Schilinski
Erzählt zu vier unterschiedlichen Zeiten im selben ländlichen Familienhaus, ist diese Geschichte von nationaler Schuld und Nostalgie zutiefst verstörend.
Die Handlung spielt an derselben Stelle, in vier verschiedenen Epochen: auf einem Bauernhof in Sachsen-Anhalt im Nordosten Deutschlands, bestehend aus vier Gebäuden, die einen Hof umgeben. Während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg wird ein junger Mann namens Fritz (Filip Schnack) wegen eines sogenannten „Arbeitsunfalls“ am Bein amputiert. Er muss mit Sorgfalt gebadet und gepflegt werden, vor allem durch die Dienstmagd Trudi (Luzia Oppermann), die selbst Opfer unvorstellbarer Grausamkeiten ist. Im Zentrum dieses Kapitels steht Alma (Hanna Heckt), ein kleines Mädchen, das mit gleichgültiger und unverständnisvoller Akzeptanz die seltsamen Familientraditionen, die makabren „Totengräber-Fotografien“ verstorbener Familienmitglieder, beobachtet und durch eine Fotografie dieser Art, auf der jemand zu sehen ist, der ihr ähnlich sieht, fasziniert ist.
Ein Gedicht über Schuld, Scham und Nostalgie im Deutschland des 20. und 21. Jahrhunderts; ein Drama über generationenübergreifende Traumata, Erinnerungen, Visionen und genetisch verdrängte und weitergegebene Erfahrungen, die bei den Nachkommen in Form neurotischer Symptome wieder auftauchen können.
Der Film thematisiert Militarismus und Ressentiments, Schuld und Grauen, mit düsteren Anspielungen auf Misshandlungen, Sterilisationen, domestische Sklaverei von Frauen und die ländliche Welt Deutschlands, in der urbane politische Strömungen kaum wahrgenommen werden. Er deutet auch das tragische Pathos der ehemaligen DDR an, die nach dem Krieg vierzig Jahre lang unter sowjetischer Herrschaft litt und schließlich feststellen musste, dass all das vergeblich war.
Ein paar Jahre später, im selben Haus, entwickelt Erika (Lea Drinda) eine morbide, fast erotisch aufgeladene Faszination für ihren „Onkel Fritz“ (Martin Rother), den Älteren, und für das phantasmatische Bild ihrer amputierten Selbst. Später, im ehemaligen Ostdeutschland, arbeitet die Jugendliche Angelika (Lena Urzendowsky) auf dem Bauernhof. Sie wird vom abscheulichen Onkel Uwe (Konstantin Lindhorst) misshandelt, ist sich aber heimlich bewusst, dass dessen Sohn, ihr Cousin Rainer (Florian Geisselmann), in sie verliebt ist – eine Liebe, die von Ressentiments durchzogen ist. Als Angelika sich für ein Gruppenfoto mit der Familie auf Polaroid ablichtet, erlebt sie ein seltsames Schicksal, das Alma ähnelt.
Und heute, in der wiedervereinten Deutschland, freundet sich Lenka (Laeni Geiseler) mit Kaya (Ninel Geiger) an, einem seltsamen und intensiven Mädchen, dessen Mutter verstorben ist.
Allmählich enthüllen sich die Verbindungen zwischen den Figuren, und der Film lässt das Kommen weiterer Charaktere und anderer seltsamer, vorahnender Ereignisse erahnen. Was sie verbindet, ist nicht nur der Hof, sondern auch der Fluss, in dem sie schwimmen, der die Grenze zum Westen markiert und abscheuliche Aale beherbergt.
Ein berührendes Panorama des Kampfes der Frauen
Der Film erkundet Gefühle und Erfahrungen, die sowohl alltäglich als auch unaussprechlich sind. Durch die feinsinnige Verflechtung der Schicksale von vier Generationen junger Mädchen, die in unterschiedlichen Epochen auf demselben strengen Bauernhof im Norden Deutschlands leben, hat Schilinski eine einzigartige und bewegende Geisterhaus-Erzählung geschaffen.
Der Film zeichnet das Porträt einer Vielzahl historischer Grausamkeiten, die Frauen im Laufe des 20. Jahrhunderts zugefügt wurden, bis in die heutige Zeit, in der sich trotz aller Veränderungen die Feststellung wiederholt: Die dunklen Aspekte der Geschichte sind nach wie vor präsent.
Aus kommerzieller Sicht wird eine geschickte Besetzung durch Spezialisten für Kunst- und Experimentalfilme notwendig sein, um das Publikum für dieses komplexe, romanartige Werk zu gewinnen, das schwer zusammenzufassen ist.
Das ursprüngliche, verschlungene Drehbuch, geschrieben von Schilinski und seiner Co-Autorin Louise Peter, besteht aus vier Erzählsträngen, die bereits reich an Rätseln, Ambivalenzen und Perspektivwechseln sind.
Artikel:
„Der Lärm des Fallens“ (In Die Sonne Schauen): Ein berührendes Panorama von Erinnerung, Schuld und Widerstand
Der Film „Der Lärm des Fallens“, dessen deutscher Originaltitel „In Die Sonne Schauen“ lautet („Der Sonne starrend zuschauen“), gilt als ein zutiefst verstörendes und ambitioniertes Werk, das an der Schnittstelle zwischen Familiengeschichte, generationenübergreifenden Traumata und sozialer Kritik steht.
Regisseur Schilinski gelingt es, die Komplexität verdrängter Erinnerungen und kollektiver Schuld durch vier unterschiedliche Epochen zu erkunden, die alle durch dasselbe ländliche Haus in Sachsen-Anhalt verbunden sind.
Eine Erzählung in vier Akten, ein Haus als Zeuge
Die Originalität des Films liegt in seiner narrativen Struktur mit vier zeitlichen Ebenen, die durch einen einzigartigen Ort verbunden sind: einen strengen Bauernhof, umgeben von vier Gebäuden, durch den ein symbolischer Fluss fließt. Von der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg bis zur heutigen Gegenwart offenbart jede Epoche einen Ausschnitt der Familien- und Landesgeschichte, die von Leid, Unterdrückung und Vergessen geprägt ist. Das Haus, das zu einem eigenständigen Charakter wird, dient als Schauplatz für unaussprechliche Ereignisse, bei denen jede Generation ihre eigenen Dämonen konfrontiert.
Eine epische Darstellung weiblicher Widerstandskraft und Traumata
Im Laufe dieser Epochen entfaltet der Film eine bewegende Darstellung des stillen Kampfes der Frauen. Die Figur der Alma, das kleine Mädchen, das mit verzweifelter Akzeptanz die makabren Familientraditionen beobachtet, verkörpert diese Unschuld, die mit der Brutalität einer patriarchalen und militaristischen Welt konfrontiert ist. Später zeichnen die morbide Faszination von Erika für ihren Onkel Fritz sowie die Misshandlungen von Angelika durch den Unhold Uwe ein gnadenloses Bild der strukturellen und individuellen Gewalt gegen Frauen in diesen ländlichen Milieus. Schilinski entwirft mit seltener Feinfühligkeit ein Bild dieser oft unsichtbaren Grausamkeiten, wobei er die intergenerationelle Weitergabe dieser Verletzungen betont.
Eine Reflexion über nationale Schuld und verdrängte Geschichte
Der Film beschränkt sich nicht nur auf die Familie: Er thematisiert auch die kollektive Schuld Deutschlands angesichts seiner traumatischen Geschichte – Militarismus, Misshandlungen, Sterilisationen und die schmerzhafte Erinnerung an die DDR. Die sowjetische Ära wird als eine opferreiche, aber letztlich vergebliche Phase dargestellt, die die Idee eines schweren, schweigend getragenen Erbes unterstreicht. Die Erzählung verbindet geschickt persönliche Erinnerungen mit der schwierigen Neuformung einer nationalen Identität, geprägt von Scham, Resilienz und Illusionsverlust.
Eine düstere, poetische Ästhetik
Visuell setzt der Film auf eine dunkle, strenge Ästhetik, die die bedrückende und gequälte Atmosphäre verstärkt. Schilinskis präzise und suggestive Regie spielt mit Kontrasten zwischen der engen, dunklen Inneneinrichtung und der weiten, wilden Landschaft, was den Gegensatz zwischen Gefangensein und Freiheit verdeutlicht. Die oft in Licht-Schatten-Kontrasten gehaltene Kamera verstärkt die Traumhaftigkeit und die Vorahnung bestimmter Szenen, in denen Figuren ihr tragisches Schicksal zu ahnen scheinen.
Eine komplexe, rätselhafte Handlung
Das Drehbuch, das von Schilinski und Louise Peter gemeinsam geschrieben wurde, ist um vier komplexe Erzählstränge aufgebaut, die reich an Rätseln und Ambivalenzen sind. Jede Epoche offenbart ihre Geheimnisse, unausgesprochenen Wahrheiten und verdrängten Traumata, während sie subtil Verbindungen zwischen den Figuren schafft. Die verschlungene Erzählweise kann verwirren, bietet aber auch eine seltene Tiefe, die den Zuschauer in eine bewegte kollektive Erinnerung eintauchen lässt.
Ein anspruchsvolles, aber essentielles Werk
„Der Lärm des Fallens“ ist kein leichtes Werk. Seine Dichte, Komplexität und die dunklen Themen machen es zu einer anspruchsvollen filmischen Erfahrung, die vor allem ein Publikum anspricht, das Kunst und Geschichte schätzt. Dennoch ist seine Botschaft universell: Es ist notwendig, sich den eigenen Erinnerungen zu stellen, die Wunden zu verstehen, um sie heilen zu können, und das kollektive Dunkel zu erkennen, um eine hellere Zukunft zu ermöglichen.
Fazit
Dieses Werk ist eine seltene, poetische, politische und zutiefst menschliche Kreation. Es hinterfragt das kollektive Gedächtnis, individuelle Verantwortung und das familiäre Erbe in einem turbulenten historischen Kontext. Schilinski schafft hier einen kunstvollen, experimentellen Film von intensiver Wirkung, der trotz seiner Komplexität nicht unberührt bleibt. Ein Werk, das gesehen, bedacht und wieder betrachtet werden sollte, um die schwerwiegenden Schweigezeiten unserer Geschichte besser zu verstehen.
Bigna Margaretha Grieder



