Festival de Cannes Die kleine Schwester

Die kleine Schwester

von Hafsia Herzi

Die kleine Schwester (La Petite dernière) von Hafsia Herzi ist ein sensibel und feinfühlig inszeniertes Werk, das auf beeindruckende Weise die Suche nach Identität einer jungen Frau aus einem traditionalistischen franco-algerischen Umfeld darstellt.

Der Film, basierend auf dem autobiografischen Roman von Fatima Daas, besticht durch eine behutsame und zugleich klare Beobachtungsgabe, wobei er auf übertriebene Dramatik oder Schwarz-Weiß-Darstellungen verzichtet.

Bereits zu Beginn zeichnet Herzi ein präzises Bild von Fatima, die von Nadia Melliti mit einer schlichten und zurückhaltenden Authentizität verkörpert wird. Die Regisseurin setzt auf eine elliptische Erzählweise, bei der Gesten und Blicke mehr sagen als Worte, was die Atmosphäre der Zurückhaltung unterstreicht, die den Charakter prägt. Das Leben von Fatima, geprägt von Gebeten, Familienbindung und ihrem Philosophiestudium in Paris, wird als ein Raum stiller Spannungen gezeigt, in dem Glaube, Gehorsam und der Wunsch nach Selbstverwirklichung miteinander kollidieren.

Der Film verfolgt den Entwicklungsweg von Fatima, einer muslimischen Fußballspielerin, über fünf Jahreszeiten hinweg – vom Frühling eines Jahres bis zum nächsten – während sie ihre Sexualität, insbesondere ihre aufkeimende Liebe zu Ji-Na, entdeckt und zu artikulieren lernt. Dieses Entdecken wird behutsam und ohne Übertreibung dargestellt, wobei die Szene, in der ein religiöser Mentor ihr die Verbote der Homosexualität offenbart, die sensible Herangehensweise des Films an heikle Themen unterstreicht.

Die Beziehung zwischen Fatima und Ji-Na, gespielt mit aufrichtiger Natürlichkeit von Ji-Min Park, bringt eine zarte und wertvolle Dimension von erster Liebe und innerer Rebellion gegen die traditionellen Normen zum Ausdruck. Herzi vermeidet Klischees und bietet stattdessen eine komplexe Darstellung einer jungen Frau, die zwischen ihren religiösen und kulturellen Werten und ihren persönlichen Wünschen hin- und hergerissen ist.

Die Leistung von Nadia Melliti ist dezent, doch tiefsinnig und vermittelt die innere Spannung mit einer kontrollierten Intensität, was die Glaubwürdigkeit der Geschichte stärkt. Die filmische Annäherung ist introspektiv und langsam, was dem Zuschauer erlaubt, Fatimas Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und ihre Grenzen sowie Sehnsüchte nachzuvollziehen.

« La Petite dernière » ist ein zartes und durchdachtes Werk, das durch seine Subtilität und Reflexion universelle Themen wie Identität, Freiheit und den Konflikt zwischen Tradition und Moderne anspricht. Es ist ein berührender Film, der zum Nachdenken anregt, ohne fertige Lösungen vorzugeben. Damit leistet der Film einen wertvollen Beitrag zur Darstellung junger Frauen auf ihrer Suche nach Wahrheit und Selbstbestimmung in einem oft komplexen und zurückhaltenden Kontext.

Bigna Margaretha Grieder